Literarische Beispiele der neuen Sachlichkeit

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Literarische Beispiele der neuen Sachlichkeit – Einleitung

Diese Seite soll euch bei der Aufgabe helfen, zwei Romanauszüge aus der Epoche der neuen Sachlichkeit zu vergleichen. Die ausformulierten Beispiele stützen sich auf Romanauszüge von Erich Kästner und Irmgard Keun.

Literarische Beispiele der neuen Sachlichkeit – Vergleich zweier Romanauszüge

Wie ihr einen solchen Vergleich ausführen könnt, soll euch das folgende Beispiel zeigen:

Literarische Beispiele der neuen Sachlichkeit – Erich Kästner “Fabian. Die Geschichte eines Moralisten”

Der Romanausschnitt „Berlin – Sodom und Gomorra?“, geschrieben von Erich Kästner 1931 und veröffentlicht im Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten.“ im Atrium Verlag Zürich, erzählt von Fabian, ein Moralist, der kopfschüttelnd auf die vergnügungssüchtigen Menschen in Berlin herabsieht.

Der Roman stammt aus der Epoche der Neuen Sachlichkeit.

Es ist ein Dialog zwischen Fräulein Battemberg, die eben erst nach Berlin gezogen ist und Fabian, ein Mann der in Berlin aufgewachsen ist. Die Beiden treffen sich zufällig in einem Künstleratelier und kommen miteinander ins Gespräch.

Für Fräulein Battemberg ist Berlin eine Stadt, die im Mondschein leuchtet, wo Blumenbeete duften und die Romantik zu Hause ist. Fabian versucht ihr die wirkliche Welt zu zeigen. Er erläutert ihr die Unterschiede und die Paradoxien an dem Leben, dass die Menschen, speziell hier in Berlin, führen. Voller Scham und Trauer erzählt er von der Zügellosigkeit und dem moralischen Verfall der Stadt. Dabei wird deutlich, dass er meint nichts anderes tun zu können als zuzusehen und auf Besserung zu warten.

Der Autor beschreibt die Nachtwelt Berlins so überspitzt und trocken, dass seine ironischen Absichten nicht verdeckt werden können. Seine Kritik soll jedoch nicht auf dem flachen Teller daherkommen, er will den Leser durch krasse und schockierende Gegensätze auf seine Seite ziehen. Ein Beispiel, um dies zu verdeutlichen: „In einer der Nebenstraßen gibt es eine Pension, wo sich nachmittags minderjährige Gymnasiastinnen verkaufen, um ihr Taschengeld zu erhöhen. (..)ein älterer Herr fand in dem Zimmer, das er zu Vergnügungszwecken betrat, zwar wie er erwartet hatte, ein sechzehnjähriges entkleidetes Mädchen vor, aber es war leider seine Tochter, und das hatte er nicht erwartet.“* Nicht nur die Tatsache, dass der Herr erst Missfallen an dem Freudenhaus findet, nachdem er seine Tochter darin findet, verdeutlicht seinen satirischen Ton. Auch dass die Mädchen sich verkaufen um ihr Taschengeld zu erweitern, zeigt seine Absicht, dem Leser die Wahrheit zu zeigen.

Der Protagonist Fabian sagt über sich selbst: „Ich bin ein Melancholiker, mir kann nicht viel passieren.“* Damit bezieht er sich auf seine Absicht einfach auf Besserung zu warten, anstatt sich, wie es ein Optimist tun würde, deswegen umzubringen. Kästner schafft mit Fabian eine Identifikationsfigur, die für all jene geschaffen wurde, die sich von dem Vergnügungswahn ausgelöst von dem Überfluss nach dem ersten Weltkrieg distanzieren.

 

Literarische Beispiele der neuen Sachlichkeit – Irmgard Keun “Später Herbst – und die große Stadt”

Der Romanausschnitt „Später Herbst – und die große Stadt“ von Irmgard Keun geschrieben im Jahr 1932, aus „Das kunstseidene Mädchen.“ und veröffentlicht im Claassen Verlag, beschreibt Berlin aus der Sicht eines Mädchens, dass mit wenig Geld nach Berlin gekommen ist und die neuen Eindrücke verarbeitet.

Der innere Dialog besteht aus kurzen, abgerissenen Sätzen, oft auch Gedankensprüngen und Ellipsen, sodass es teilweise schwer für den Leser ist, dem Sinn ihrer Gedanken zu folgen.

Ihre Gefühle wechseln von Staunen, Bewunderung und Neid zu Fassungslosigkeit und immer schnelleren und unzusammenhängenden Gedankenfetzen. Sie versucht zwischen den ganzen Eindrücken und Geschehnissen um sie herum die Situation zu verarbeiten, indem sie zwischen Beobachtungen einen wertenden Gedanken ihrerseits einbringt: „Es gibt auch Omnibusse – sehr hoch wie Aussichtstürme, die rennen.“** Sie äußert jedoch keine Meinung über die Dinge die sie sieht. Sie ist nur sehr verwirrt: „(..) und Plakate mit nackten rosa Mädchen – keiner guckt hin.“**

Dies ist der erste bedeutende Unterschied zwischen den beiden Romanausschnitten. Die Autoren verfolgen mit ihren Figuren andere Wege und Intentionen.

 

* Alle Zitate stammen aus dem Buch „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. aus den Seiten 98 bis 100, geschrieben von Erich Kästner und veröffentlicht 1985 im Atrium Verlag, Zürich.

** Alle Zitate stammen aus dem Buch „Das kunstseidene Mädchen, aus den Seiten 39 ff., geschrieben von Irmgard Keun und veröffentlicht 1979 im Claasen Verlag Berlin.

Literarische Beispiele der neuen Sachlichkeit – Vergleich

Keun schreibt in einem journalistischen Schreibstil, sachlich, abgehackt, jeder Satz eine einschlagende Schlagzeile. Nur unterbrochen von den eingeworfenen Gedankenfetzen der Beobachterin. Auch Kästner schreibt sachlich, doch nur auf der äußeren Ebene. Sieht man nämlich genauer hin, erkennt man seinen ironischen Unterton, den er geschickt durch eine realistische Darstellung der Geschehnisse verbirgt und der sich nur durch seinen überspitzten Schreibstil offenbart.

Dies lässt mich zu folgendem Schluss kommen: Keun möchte mit ihrem Roman die Zeit und das Lebensgefühl der Menschen in den goldenen Zwanziger Jahren wiedergeben, auch versucht sie die Vergnügungssucht und Reizüberflutung zu verarbeiten. Dies tut sie ohne eine Wertung darüber abzugeben und benutzt deswegen die sachliche Wortwahl, um dem Leser ihre Neutralität zu zeigen.

Kästner hat ein ganz anderes Ziel: er schafft mit Fabian einen Menschen, der sehr viel auf moralische Werte hält, jemand, den es zu dieser Zeit wahrscheinlich nicht oft gegeben hat. Er benutzt ihn, um auf die Zustände in der Stadt hinzuweisen und kritisiert sie auch bewusst. Er kritisiert, indem er konkret auf die Geschehnisse hinweist, die aus seiner Sicht nicht hinnehmbar sind.

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One Comment

  1. Hallo,
    ich wollte mal nach den Quellenangaben des zitierten Abschnittes („In einer der Nebenstraßen gibt es eine Pension, wo sich nachmittags minderjährige Gymnasiastinnen verkaufen, um ihr Taschengeld zu erhöhen. (..)ein älterer Herr fand in dem Zimmer, das er zu Vergnügungszwecken betrat, zwar wie er erwartet hatte, ein sechzehnjähriges entkleidetes Mädchen vor, aber es war leider seine Tochter, und das hatte er nicht erwartet.“) fragen, also Seitenzahl, etc.
    Mit freundlichen Grüßen
    Johannes Schleicher

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