Woyzeck Interpretation

Woyzeck Interpretation

Die Interpretation/Analyse von „Woyzeck“ ist heutzutage für nahezu jeden Abiturienten Pflicht. Hilfreich ist es da, wenn man schon mal ein paar Hintergrundgedanken und Überlegungen mitnehemen kann 🙂
Übrigens: Neben der Interpretation findet ihr hier auch eine Inhaltsangabe zu Woyzeck

Gliederung

  • Woyzeck – Interpretation als Sozialdrama
  • Themen und Motive
  • Die Figuren in „Woyzeck“
  • Die Sprache des Stückes
  • Analyse der Märchenszene
  • Weiterführende Links

Woyzeck – Interpretation als Sozialdrama

Georg Büchner zeigt mit seinem Werk Woyzeck anhand eines individuellen Beispiels, wie die gesellschaftlichen Strukturen im 18 Jahrhundert sind Es ergibt sich ein Bild eines feudalen Gesellschaftssystems, welches theologisch fundiert ist und in dem der Aufstieg oder der Abstieg in einen anderen sozialen Stand völlig ausgeschlossen sind. Die Folge dessen ist, dass die in gesellschaftlichen Zwängen gefangenen Figuren, gezwungen werden, bestimmte Dinge zu tun. Man spricht dabei von dem sogenannten „sozialen Determinismus“ (ung. = soziale Vorherbestimmtheit). Dabei zeigt er auf, dass diese Strukturen in der Lage sind, einen Menschen zu deformieren und ihn sogar zum Äußersten zu treiben können.

Man kann Georg Büchners „Woyzeck“ außerdem als Beziehungsdrama und Kriminalstück interpretieren.

Woyzeck Interpretation – Themen und Motive

Eifersucht

Das Motiv Eifersucht zieht sich durch das gesamte Stück. Marie betrügt Woyzeck, Woyzeck erfährt davon und als Konsequenz ermordet er Marie mit einem Messer. Doch warum betrügt Marie Woyzeck? Die Antwort auf diese Frage hat zwei Facetten. Auf der einen Seite die Schwäche Woyzecks und auf der anderen Seite die imposante Wirkung und Stärke des Tambourmajors. Woyzeck ist aufgrund seines Dienstes beim Militär und seinen Nebentätigkeiten (Stöcke schneiden, Hauptmann rasieren, das Ernährungsexperiment) , die der finanziellen Aufbesserung dienen, zeitlich sehr eingespannt. Daher ist er nicht in der Lage, sich intensiv um seine Familie zu kümmern und auch verdient er nicht genug Geld, um seiner Familie größere Wünsche zu erfüllen. Obwohl Marie es als ungerecht empfindet, Woyzeck Vorwürfe zu machen, betont sie, dass sie ein „natürliches Recht“ auf die Geschenke eines Mannes habe.
Der Tambourmajor hingegen hat auf Grund seiner Uniform und seiner imposanten Statur („Ein Mann, wie ein Baum“) eine sehr attraktive Wirkung auf Marie. Außerdem ist er in der Lage, Maries sinnlichen und materiellen Bedürfnisse zu befriedigen.
Woyzeck, vom Hauptmann verspottet, erkennt, dass er Marie nicht zurückgewinnen kann und sieht keinen anderen Ausweg, als Marie zu ermorden.

Einsamkeit

Woyzeck ist gesellschaftlich isoliert. Der Hauptmann, der Doktor und der Tambourmajor fühlen sich aufgrund ihrer sozialen Position bzw. im Falle des Tambourmajors aufgrund der körperlichen Unterschiede überlegen und verspotten Woyzeck. Selbst Andres, Woyzecks Kamerad, trägt zur Einsamkeit bei, da er nicht nicht in der Lage ist, Woyzecks Situation nachzuempfinden. Stattdessen intepretiert er Woyzecks Äußerungen als Nachwirkungen von Fieber, und rät Woyzeck zu einer Medikation mit Alkohol. Ein weiterer Aspekt der Einsamkeit stellt die Ermordung Maries und die anschließende Ablehnung des Kindes dar. Die einzigen Personen, zu denen Woyzeck eine intensivere Bindung hat sind Marie und sein Kind. Nach der Ermordung Maries wird Woyzeck jedoch auch von seinem Kind abgestoßen und so ist Woyzeck gegen Ende komplett vereinsamt. Besondere Aufmerksamkeit spielt bei dem Motiv Einsamkeit natürlich das Märchen der Großmutter, welches weiter unten genauer unter die Lupe genommen wird.

Wahn

Wahn – und insbesondere Wahnvorstellungen stellen einen Großteil von Woyzecks Leben und Empfindungen dar. Bereits in der ersten Szene glaubt Woyzeck, sich an einem verfluchten Platz zu befinden („abends […] der Kopf rollt“). Woyzeck schildert sowohl Marie, als auch Andres seine Halluzinationen und ruft in beiden Angst hervor, was Woyzecks Vereinsamung weiter beschleunigt. Auch der Doktor ist von Woyzecks Wahnvorstellungen überzeugt und diagnostiziert eine zeitweise geistige Verwirrung. Der Höhepunkt des Wahns spiegelt sich in den Stimmen wider, die Woyzeck befehlen, Marie zu ermorden.

Rangunterschiede innerhalb der Gesellschaft

Büchner verwendet Figuren aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, um ein repräsentatives Bild der Gesellschaft zu der damaligen Zeit zu schaffen. Interessant ist hier, dass nicht nur Unterschiede und Konflikte zwischen arm und reich, sondern auch zwischen der feudalen Klasse (Hauptmann) und dem liberalen Bürgertum (Doktor) aufzeigt werden. Es ergibt sich ein Bild eines feudalen Gesellschaftssystems, welches theologisch fundiert ist und in dem der Aufstieg oder der Abstieg in einen anderen sozialen Stand völlig ausgeschlossen sind. Die Folge dessen ist, dass die in gesellschaftlichen Zwängen gefangenen Figuren, gezwungen werden, bestimmte Dinge zu tun. Man spricht dabei von dem sogenannten „sozialen Determinismus“ (ung. = soziale Vorherbestimmtheit)

Gewalt und Aggressivität

Auffallend bei diesem Motiv ist, dass Woyzeck stets als Opfer darsteht. Auch bei der Ermordung Maries kann man Woyzeck sowohl als Täter, als auch als Opfer bezeichnen, da er mit dem Mord alles verliert, was ihm etwas bedeutet hat. Gewalt in „Woyzeck“ findet man zum Beispiel hier:

Woyzeck ermordet Marie
Marie verletzt Woyzeck durch den Betrug
Kampf zwischen Tambourmajor und Woyzeck
Streit zwischen Marie und ihrer Nachbarin
Der Doktor riskiert Woyzecks Gesundheit durch das Ernährungsexperiment
Andres hilft Woyzeck nicht

Woyzeck Interpretation – Die Figuren

Woyzeck

Woyzeck stammt aus einer niedrigen sozialen Schicht, er muss als einfacher Offizier zahlreiche Nebentätigkeiten ausüben, um seine Existenz und die seiner Familie zu sichern. Er hat mit seiner Geliebten Marie, ein uneheliches Kind und wird von Marie betrogen. Daraufhin ermordet er Marie.
Woyzeck leidet an einer psychischen Störung, welche vermutlich eine Folge des Ernährungsexperimentes ist. So fühlt sich Woyzeck bereits ganz am Anfang des Stückes von den Freimaurern bedroht, sieht „Schwämme“ und andere merkwürdige Bilder der Natur und hört Stimmen, die ihm befehlen, Marie zu ermorden. An mehreren Stellen im Stück wird deutlich, dass Woyzeck die Sprache fehlt, seine Gedanken angemessen zu schildern. Dies ist ein Hauptgrund, warum er in Auseinandersetzungen mit Marie, dem Hauptmann oder dem Doktor unterlegen ist. Ein weitere Aspekt der Hauptfigur des Stückes ist, dass er seine einzige Kraft aus seiner Familie zieht. Als diese wegzubrechen droht, verliert Woyzeck Schritt für Schritt den Boden unter den Füßen und sieht sich schließlich gezwungen, Marie zu ermorden. Zusammenfassend kann man sagen, dass Woyzecks Handeln aufgrund seines sozialen Standes vorherbestimmt ist. Er hat kaum Einfluss auf seine Situation.

Marie

Marie ist die sinnliche, triebhafte Geliebte Woyzecks, die schließlich das Opfer Woyzecks Eifersucht wird. Sie hat ein uneheliches Kind mit Woyzeck und entstammt aus der gleichen niedrigen Schicht der Gesellschaft. Da Woyzeck nicht in der Lage ist, ihre sexuellen und materiellen Bedürfnisse zu befriedigen, ist sie den Annäherungsversuchen des Tambourmajors gegenüber aufgeschlossen. Durch die Untreue Maries verliert Woyzeck endgültig die Kontrolle über sein Leben. Auch Maries Handeln ist sozial determiniert. Sie kann gegenüber Woyzeck kaum Solidarität üben, da ihre niedrigsen Bedürfnisse von Woyzeck nicht befriedigt werden können.

Der Tambourmajor

Der Tambourmajor stellt den Verführer Maries dar. Er gehört zwar zur selben sozialen Schicht wie Woyzeck und Marie, hat aber auf Grund seiner Position eine imposante Uniform und ist Woyzeck körperlich stark überlegen. Daher kann man ihn als Kontrastfigur zu Woyzeck sehen, der durch das Ernährungsexperiment körperlich geschwächt ist. Er tritt sehr selbstbewusst auf befriedigt Maries Bedürfnisse.

Hauptmann und Doktor

Der Hauptmann und der Doktor gehören höheren sozialen Schichten an und sind so wirtschaftlich privilegiert. Sie machen sich über Woyzeck lustig und sind in der Lage, Druck auf ihn auszuüben, da Woyzeck von ihnen wirtschaftlich abhängig ist. Auffällig ist, dass der Tambourmajor, der Hauptmann und der Doktor keine Namen haben und so einzig und allein in ihrer Funktion auftreten. Sie stellen nämlich einfach nur Repräsentanten der jeweiligen sozialen Schicht dar, ohne individuelle Eigenheiten zu haben.

Woyzeck Interpretation – Die Sprache des Stückes

Auffällig ist, dass sich die verschiedenen sozialen Schichten unter anderem durch eine unterschiedliche Sprache unterscheiden. Man spricht dabei vom sogenannten Soziolekt.
Der Hauptmann und der Doktor benutzen die Sprache als Mittel, um Woyzeck Befehle zu erteilen und sich über ihn zu belustigen. Während der Doktor sich vor allem durch medizinische Fachbegriffe kennzeichnet, versteckt sich der Hauptmann eher hinter leeren Worthülsen. Die Personen der niedrigeren Schichten, allen voran Woyzeck und Marie, kennzeichnen sich in ihrem Sprachgebrauch durch einen beschränkten Wortschatz, kurze unvollständige Sätze und Verstummen. Diese drei Merkmale deuten gleichzeitig auf ihre niedrige soziale Schicht hin.

Woyzeck Interpretation der Märchenszene

Bei der Interpretation von Woyzeck ist die Märchenszene eine durchaus wichtige. Es ist auch eine Szene, die gerne in Klausuren gewählt wird. Daher werden hier einige wichtige Aspekte dieser Szene genannt. Die folgenden Ideen sollen aber nur als Anregung dienen, für eine Analyse ist diese Ausführung zu knapp und es fehlen die belegenden Textzitate.

Das Märchen, welches von der Großmutter erzählt wird, kann man als Gegenstück zum Sterntaler Märchen der Gebrüder Grimm interpretieren. In dem Märchen der Gebrüder Grimm geht es um ein armes Waisenkind, welches nur noch die Kleidung, die es am Körper trug, besaß und ein Stück Brot. Nach und nach trifft das Mädchen noch ärmere Menschen schenkte diesen alles, was es bei sich trug. Als es komplett nackt ist, geschieht ein Wunder. Es hat plötzlich wieder ein Kleid an und sammelt die nun vom Himmel fallenden Sterntaler ein.

Obwohl das Mädchen selbst kaum Besitztümer hat, zeigt es Nächstenliebe und hilft seinen Mitmenschen. Diese guten Taten werden anschließend von Gott belohnt. Als Hauptaussage bleibt zurück, dass gutes Handeln belohnt wird und dass man auf die Hilfe anderer Menschen zählen kann.

Die Großmutter in Büchners „Woyzeck“ erzählt ein Märchen von einem Waisenkind, welches und ganz allein auf der Welt ist. Da die Sonne, der Mond und die Sterne ihm verheißungsvoll erscheinen, sucht es Trost im Himmel. Die Sonne und der Mond entpuppen sich jedoch als faules Stück Holz und verwelkte Sonnenblume. Zuletzt sitzt das Kind einsam und weint.

Im Gegensatz zum grimmschen Märchen ist hier kein Gott vorhanden, und es gibt keine Mitmenschen, die Nächstenliebe zeigen. Der Einzelne ist auf sich allein gestellt und er kann nicht auf die Hilfe Gottes hoffen.

Die Situation des Waisenkindes am Ende des Märchens lässt sich mit der Situation Woyzecks nach der Ermordung Maries vergleichen, da Woyzeck mit dem Mord die letzte Verbindung zu seinen Mitmenschen verloren hat. Auch er ist am Ende einsam und ganz auf sich allein gestellt. Daher kann man das Märchen auch als Vorausdeutung interpretieren.

Weiterführende Links

Wikipedia-Artikel zu Georg Büchner: Georg Büchner

One Comment

  1. „Irgendwann wird unklar, ob Woyzeck mit seiner Geliebten oder seiner Mutter spricht, irgendwann kommt auch die sexuelle Tiefenschicht des Stücks an die Oberfläche (die gerade in einer Studie von Christian Milz aufgedeckt wurde), eine Dimension des Dramas, die bei Büchner, dem „Politischen“, bisher gern übersehen wurde.“ (Peter Michalzik in der FR über den Frankfurter Woyzeck.

    „Milz kann in der Tat ein Bild des Woyzeck zeichnen, das neu ist und weiter diskutiert werden muss. Woyzeck tötet Marie demnach nicht als ein von der modernen Arbeit und medizinischen Menschenversuchen deklassierter und entfremdeter Verlierer, sondern er richtet sie als Sünderin hin, nämlich wie Orest als Sohn seine Mutter … Hervorzuheben ist Milz’ These, dass B. den Hessischen Landboten unter anderem deshalb geschrieben habe, um seine erwünschte Flucht nach Straßburg zu erzwingen …“ (Johannes F. Lehmann, Bonn in Germanistik 54)

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